Einen Gott zum Anfassen?
Sie haben sich Götter von Gold gemacht. Vergib ihnen doch ihre Sünde!
2. Mose 32,31–32
Paulus sprach: Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.
Apostelgeschichte 17,23
Liebe Leserin, lieber Leser,
ein ernstes Wort im Alten Testament! Während Mose auf dem Berg Sinai Gottes Weisungen empfängt, verliert das Volk Israel die Geduld. Es will einen Gott, den es sehen und anfassen kann. So entsteht das goldene Kalb. Der Gott, der Israel aus Ägypten befreit hat, wird durch ein selbst geschaffenes Bild ersetzt. Als Mose zurückkehrt, ist er entsetzt über diesen Treuebruch. Doch er wendet sich nicht von seinem Volk ab, sondern bittet Gott um Vergebung.
Ist das nicht auch heute ein Problem? Wie sehr wünschen wir uns manchmal, vom Glauben ins Schauen zu kommen! Die täglichen Schreckensmeldungen, Kriege, Krisen und gesellschaftlichen Spannungen machen uns Angst. Vieles scheint uns zu entgleiten. Da ist die Sehnsucht nach etwas Greifbarem verständlich, nach einem Gott, der sichtbar eingreift und uns Sicherheit gibt. Doch die Grenze ist schmal: Wir können versuchen, uns einen Gott zurechtzumachen, der unseren Erwartungen entspricht, statt uns ihm anzuvertrauen.
Auch Paulus begegnet Menschen, die nach dem Göttlichen suchen. In Athen entdeckt er einen Altar mit der Aufschrift „Dem unbekannten Gott“. Er nimmt diese Suche ernst und verkündigt ihnen den Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und nicht in von Menschen errichteten Tempeln wohnt. Gott lässt sich weder in Kirchen einsperren noch wie ein Gegenstand in unsere Häuser stellen.
Und doch ist der unsichtbare Gott uns nahe gekommen: in Jesus Christus. Jesus sagt: „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Johannes 14,9). In ihm dürfen wir erkennen, wie Gott ist – voller Wahrheit, Barmherzigkeit und Liebe. Wir müssen Gott nicht selbst herstellen. Er hat sich uns gezeigt.
Wenn mich die Nachrichten beunruhigen und ich am liebsten sichtbare Beweise für Gottes Gegenwart hätte, möchte ich mich daran erinnern: Mein Glaube hängt nicht davon ab, ob ich Gott sehen oder sein Eingreifen sofort erkennen kann. Ich darf mit meinen Fragen zu Jesus kommen und ihm vertrauen, auch wenn vieles unbegreiflich bleibt. Nicht ich muss Gott festhalten – er hält mich.
Ich bete heute: Herr, unser Gott, manchmal sehnen wir uns danach, dich sehen und anfassen zu können. Vergib uns, wenn wir dich nach unseren Vorstellungen formen wollen. Hilf uns, Jesus immer besser kennenzulernen und in ihm deine Nähe zu entdecken. Stärke unseren Glauben, wenn uns die Welt Angst macht, und lehre uns, dir auch im Unsichtbaren zu vertrauen. Amen.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Tag
Herzliche Grüße, Pastor Michael Röschard

