Wo ist nun dein Gott?

 

Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?

Psalm 42,4

 

Dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden, und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu.

Philipper 1,13–14


Liebe Leserin, lieber Leser,

die Frage „Wo ist nun dein Gott?“ ist so alt wie der Glaube selbst. Der Psalmbeter kennt sie nicht nur als spöttische Bemerkung anderer Menschen, sondern als schmerzhaften Stich mitten ins Herz. Seine Tränen fließen Tag und Nacht. Es scheint, als schweige Gott. Genau in dieser Situation treffen ihn die höhnischen Worte seiner Umgebung.


Ist das nicht auch ein Kennzeichen unserer Zeit? Viele Menschen möchten ihr Leben völlig unabhängig von Gott gestalten. Solange alles gut läuft, scheint Gott überflüssig zu sein. Doch wenn Kriege, Naturkatastrophen, Krankheiten oder persönliches Leid eintreten, ertönt oft dieselbe Frage: „Wo ist denn jetzt euer Gott?“ Dahinter steckt meist nicht ehrliches Suchen, sondern Spott oder der Vorwurf, Gott habe versagt.

 

Die Bibel gibt darauf eine erstaunliche Antwort. Sie versucht nicht, Gottes Wege vollständig zu erklären. Stattdessen zeigt sie Menschen, die trotz Leid an Gott festhalten. Der Psalmbeter hört den Spott, aber er hört nicht auf zu beten. Paulus sitzt im Gefängnis, doch auch seine Gegner können Gottes Wirken nicht aufhalten. Im Gegenteil: Gerade seine Fesseln werden zum Zeugnis. Die Soldaten erfahren von Christus, und viele Christen werden durch sein mutiges Verhalten ermutigt, das Evangelium furchtlos weiterzusagen.


Hier liegt eine wichtige Wahrheit: Gottes Gegenwart zeigt sich nicht immer darin, dass er Leid verhindert. Oft zeigt sie sich darin, dass er seine Kinder im Leid trägt und sogar schwierige Umstände gebraucht, um sein Reich zu bauen. Das Kreuz Jesu ist der größte Beweis dafür. Als Jesus am Kreuz hing, hätten viele ebenfalls fragen können: „Wo ist nun dein Gott?“ Doch gerade dort vollbrachte Gott das größte Rettungswerk der Geschichte.


Auch wir werden immer wieder mit Spott oder kritischen Fragen konfrontiert. Dann müssen wir nicht auf jede Frage eine perfekte Antwort haben. Entscheidend ist, dass wir an Christus festhalten. Ein glaubwürdiges Leben im Vertrauen auf Gott spricht häufig lauter als viele Worte. Vielleicht gebraucht Gott gerade unsere bewahrte Hoffnung in schweren Zeiten, um andere Menschen neugierig auf ihn zu machen.


Ich bete heute: Herr Jesus Christus, danke, dass Du uns auch dann nicht verlässt, wenn Menschen unseren Glauben verspotten oder wir selbst durch schwere Zeiten gehen. Stärke unser Vertrauen, wenn wir Deine Wege nicht verstehen. Gib uns den Mut des Paulus und die Ausdauer des Psalmbeters. Lass unser Leben ein Zeugnis Deiner Treue sein, damit andere Menschen erkennen, dass Du lebst und heute noch handelst. Bewahre uns davor, am Leid zu verzweifeln, und erfülle uns mit der Hoffnung, die nur Du schenken kannst. Amen.


Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, einen gesegneten Tag

Herzliche Grüße, Pastor Michael Röschard