Gott lässt sich beim Wort nehmen
So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?
Jesaja 63,15
Jesus spricht: „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.
Johannes 14,18
Liebe Leserin, lieber Leser,
„Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?“ Dieser Satz aus dem Gebet Jesajas klingt zunächst fast provozierend. Ist das Ironie? Will der Prophet Gott Vorwürfe machen? Beim genaueren Hinsehen wird deutlich: Nein. Jesaja spricht hier nicht spöttisch, sondern im tiefen Vertrauen. Gerade weil er Gott kennt, wagt er diese Fragen.
Im vorherigen Abschnitt erinnert Jesaja daran, wie wunderbar Gott sein Volk geführt und gerettet hat. Dann schaut er auf die leidvolle Gegenwart, in der Gottes Eingreifen kaum noch zu erkennen ist. Aus dieser Spannung heraus betet er: „Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?“ Eigentlich sagt er damit: „Herr, ich kenne dich doch ganz anders. Du bist doch der Gott, der rettet, der eingreift und voller Erbarmen ist. Darum handle auch jetzt wieder so, wie es deinem Wesen entspricht.“
Das ist keine Respektlosigkeit, sondern ein bemerkenswerter Glaube. Jesaja hält Gott gleichsam seine eigenen Verheißungen vor. Er nimmt Gott bei seinem Wort. Solche Gebete finden wir auch in den Psalmen. Gott weist sie nicht zurück. Er freut sich über Menschen, die ihn so ernst nehmen, dass sie ihn an seine Zusagen erinnern.
Im Neuen Testament antwortet Jesus auf genau diese Sehnsucht. Er sagt seinen Jüngern: „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.“ Was Jesaja hoffnungsvoll erbittet, erfüllt Gott in Jesus Christus. Gott bleibt nicht in der Ferne seiner himmlischen Wohnung. Er kommt selbst zu den Menschen. Durch seine Auferstehung und durch den Heiligen Geist bleibt Jesus seinen Kindern bis heute nahe.
Vielleicht kennst du Zeiten, in denen du dich fragst: „Herr, wo bist du? Warum greifst du nicht ein?“ Dann musst du diese Fragen nicht verdrängen. Du darfst sie wie Jesaja vor Gott bringen. Und gleichzeitig darfst du dich an Jesu Zusage festhalten: „Ich komme zu euch.“ Unsere Wahrnehmung mag schwanken, aber seine Gegenwart nicht. Der Herr, der einst treu gehandelt hat, ist derselbe geblieben. Deshalb dürfen wir ihn voller Vertrauen beim Wort nehmen.
Darum bete ich heute: Herr Jesus Christus, danke, dass du mich nicht als Waisen zurücklässt. Danke, dass ich mit meinen Fragen und meiner Not zu dir kommen darf. Schenke mir den Glauben, dir auch dann zu vertrauen, wenn ich dein Handeln nicht verstehe. Hilf mir, deine Verheißungen festzuhalten und darauf zu bauen, dass du derselbe treue Gott bist – gestern, heute und in Ewigkeit. Amen.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, einen gesegneten Tag
Herzliche Grüße, Pastor Michael Röschard

