Wenn das Herz sich entfernt
Dies Volk naht mir mit seinem Munde und ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir.
Jesaja 29,13
Jesus spricht: „Nicht was zum Mund hineingeht, macht den Menschen unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.“
Matthäus 15,11
Liebe Leserin, lieber Leser,
diese Worte aus Jesaja treffen mich. Vielleicht gerade deshalb, weil sie eine Frage berühren, die unangenehm ehrlich ist: Bin ich mit meinem Herzen überhaupt noch bei Gott?
Ich kann beten, Bibel lesen, Gottesdienste besuchen und christliche Lieder singen – und doch kann sich mein Herz innerlich weit entfernt anfühlen. Wird Glaube für mich manchmal zu einer Pflichterfüllung? Wo ist die Freude, die Leidenschaft, die Sehnsucht nach Gottes Wort?
Doch wir müssen Jesaja 29,13 in seinem Zusammenhang lesen. Gott spricht hier zu seinem Volk, das äußerlich religiöse Formen bewahrt, während sein Herz sich von Gott entfernt hat. Es geht nicht darum, dass ein Mensch gelegentlich keine Lust zum Beten hat oder durch eine geistlich trockene Zeit geht. Gott klagt vielmehr eine Haltung an, bei der äußerliche Frömmigkeit das fehlende Vertrauen und die fehlende Hingabe des Herzens verdeckt. Die Lippen sagen „Gott“, aber das Leben möchte ohne ihn auskommen.
Und genau hier verbindet sich Jesajas Wort mit Jesu Aussage. Jesus macht deutlich, dass nicht das Äußere den Menschen vor Gott rein oder unrein macht. Entscheidend ist, was im Herzen geschieht und daraus hervorkommt.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage heute nicht: „Warum bin ich nicht geistlicher?“ Sondern: „Herr, wo ist mein Herz?“
Vielleicht ist deine Leidenschaft kleiner geworden. Vielleicht liest du die Bibel, ohne viel dabei zu empfinden. Vielleicht betest du mehr aus Gewohnheit als aus Freude. Dann musst du dich nicht verstecken. Du darfst genau damit zu Jesus kommen. Gott erwartet kein perfekt funktionierendes religiöses Leben. Er möchte dein ehrliches Herz.
David betete: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ (Psalm 51,12) Das ist auch unser Gebet. Nicht: „Herr, ich muss mich selbst wieder begeistern.“ Sondern: „Herr, erwecke mein Herz neu.“
Vielleicht beginnt Erneuerung ganz klein: mit einem ehrlichen Gebet, einem langsam gelesenen Bibelvers, einem Moment der Stille. Nicht als weitere Pflicht, sondern als Einladung: Komm zurück zu mir.
Ich darf heute ehrlich vor Gott werden. Ich muss ihm keine Begeisterung vorspielen, die ich gerade nicht empfinde. Ich darf ihm sagen: „Herr, manchmal bin ich müde. Manchmal ist mein Glaube Gewohnheit geworden. Manchmal suche ich dich nicht so, wie ich es gerne möchte.“
Und vielleicht ist genau diese Ehrlichkeit schon ein Zeichen dafür, dass mein Herz Gott nicht gleichgültig geworden ist. Denn wer sich nach seiner Nähe sehnt, der darf diese Sehnsucht selbst schon als Einladung verstehen, wieder neu zu ihm zu kommen.
Darum bete ich heute: Herr, mein Gott, du siehst nicht nur meine Worte und meine äußeren Gewohnheiten, sondern du siehst mein Herz. Du weißt, wo ich müde geworden bin, wo mein Glaube zur Routine geworden ist und wo mir die Freude an dir fehlt. Vergib mir, wenn ich dir nur mit meinen Lippen nahe bin, aber mein Herz sich entfernt hat. Schenke mir ein neues Verlangen nach dir. Lass dein Wort wieder lebendig für mich werden und gib mir Freude am Gebet. Ich möchte dir nichts vorspielen. Ich komme zu dir so, wie ich bin. Bitte zieh mein Herz wieder zu dir und schenke mir einen neuen, beständigen Geist. Amen.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Tag
Herzliche Grüße, Pastor Michael Röschard

