Friedensstifter unterwegs
Josef sprach zu seinen Brüdern: Zankt nicht auf dem Wege!
1. Mose 45,24
Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Matthäus 5,9
Liebe Leserin, lieber Leser,
Josef hatte allen Grund, seinen Brüdern Vorwürfe zu machen. Sie hatten ihn verraten, in die Grube geworfen und als Sklaven verkauft. Jahre der Trennung, des Leids und der Ungewissheit lagen zwischen ihnen. Doch als die Versöhnung geschieht, verliert Josef kein Wort der Anklage. Stattdessen gibt er seinen Brüdern eine schlichte, aber tiefgründige Mahnung mit auf den Weg: „Zankt nicht auf dem Wege!“
Wie bemerkenswert sind diese letzten Worte, bevor sich die Brüder auf den Heimweg zu ihrem Vater machen. Josef kennt seine Brüder. Er weiß, dass sie unterwegs die vergangenen Ereignisse noch einmal durchgehen werden. Wie leicht hätten sie sich dabei gegenseitig Vorwürfe machen können: Wer hatte die Idee? Wer trug die größte Schuld? Wer hätte anders handeln müssen? Doch Josef möchte verhindern, dass die Vergangenheit den neu geschenkten Frieden wieder zerstört. Er hat ihnen vergeben. Nun sollen auch sie in dieser Vergebung leben und den gemeinsamen Weg im Frieden gehen.
Jahrhunderte später greift Jesus diesen Gedanken auf und spricht: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Frieden zu stiften ist keine passive Haltung und auch kein bloßes Vermeiden von Konflikten. Es bedeutet, aktiv Versöhnung zu suchen und so zu handeln, wie unser himmlischer Vater handelt, der durch Jesus Christus die Welt mit sich versöhnt hat.
Dieser Friede beginnt jedoch nicht erst im Umgang mit anderen, sondern im eigenen Herzen. Auch wir tragen eine Vergangenheit mit uns. Manches bereuen wir zutiefst. Obwohl Gott uns vergeben hat, geraten wir leicht in die Versuchung, uns selbst immer wieder anzuklagen oder alte Schuld hervorzuholen. Der Feind erinnert uns gern an das, was Gott längst vergeben hat.
Doch Gottes Vergebung will uns nicht nur von der Schuld befreien, sondern uns auch inneren Frieden schenken. Wer aus der Gnade lebt, muss nicht ständig rückwärts schauen, sondern darf im Vertrauen auf Gottes Verheißungen seinen Weg gehen.
Aus diesem inneren Frieden wächst der Friede nach außen. Unser Alltag ist ein „Weg“ – in der Familie, in der Nachbarschaft, in der Gemeinde oder am Arbeitsplatz. Gerade dort entstehen Spannungen oft nicht in großen Auseinandersetzungen, sondern in kleinen Bemerkungen: ein verletzendes Wort, eine alte Geschichte, die wieder hervorgeholt wird, oder der Versuch zu beweisen, wer im Recht war. Wie aktuell klingt da Josefs Mahnung: „Zankt nicht auf dem Wege!“
Diese Worte laden mich ein, mein eigenes Verhalten zu prüfen. Trage ich zum Frieden bei oder gieße ich Öl ins Feuer? Halte ich an alten Verletzungen fest oder bin ich bereit zu vergeben? Gottes Kind zu heißen ist nicht nur eine wunderbare Zusage, sondern auch ein Auftrag. Wer aus Gottes Frieden lebt, wird selbst zu einem Friedensstifter.
So wollen wir heute bewusst darum bitten, dass unser Herr unser Herz mit seinem Frieden erfüllt und unser Reden und Handeln prägt, damit Menschen durch uns etwas von Christus erkennen – dem Fürsten des Friedens: Herr Jesus Christus, ich danke Dir, dass Du mir Frieden mit Gott geschenkt hast. Vergib mir, wo ich durch Worte, Stolz oder Unversöhnlichkeit Streit verursacht habe. Schenke mir ein demütiges Herz, das bereit ist zu vergeben und Frieden zu suchen. Hilf mir, auf meinem täglichen Weg ein Friedensstifter zu sein, damit Dein Name geehrt wird und andere Deine Liebe erkennen. Bewahre mich davor, alte Schuld immer wieder hervorzuholen, und erfülle mein Herz mit Deiner Gnade und Deinem Frieden. Amen.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, einen gesegneten Tag
Herzliche Grüße, Pastor Michael Röschard

