Frieden suchen – und Frieden weitertragen

 

Ich will Frieden geben an dieser Stätte, spricht der HERR Zebaoth.

Haggai 2,9

 

Jesus sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben: Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker?

Markus 11,17


Liebe Leserin, lieber Leser,

Frieden – was für ein Sehnsuchtswort! Wir leben in Deutschland äußerlich in Frieden. Und doch fühlt es sich manchmal eher wie ein Burgfrieden an. Soziale Missstände, die Benachteiligung ärmerer Menschen und das Gefühl, von den Mächtigen nicht mehr verstanden zu werden, sorgen für Unruhe. Dazu kommen die Kriege und Krisen in der Welt. Suchen wir nicht alle nach einem Ort, an dem wir zur Ruhe kommen und Frieden finden können?


Als der Prophet Haggai diese Worte verkündete, lag die Rückkehr aus dem babylonischen Exil hinter dem Volk Israel. Der Tempel in Jerusalem wurde wieder aufgebaut. Viele verglichen den bescheidenen Neubau mit dem einstigen Tempel Salomos. Doch Gott ermutigte sein Volk: Die Herrlichkeit dieses Hauses werde größer sein als die des früheren, und an dieser Stätte werde er Frieden schenken. Es ging nicht allein um ein beeindruckendes Gebäude, sondern um Gottes Gegenwart und seine Verheißung für sein Volk.

 

Jahrhunderte später betritt Jesus den Tempel in Jerusalem. Er treibt die Händler und Geldwechsler hinaus und erinnert daran, dass Gottes Haus ein Bethaus für alle Völker sein soll. Der Tempel war zu einem Ort geworden, an dem Geschäfte den Raum des Gebets verdrängten. Jesus kritisiert nicht einfach den Lärm. Er stellt die ursprüngliche Bestimmung des Tempels wieder her: Menschen sollen Gott begegnen können – unabhängig davon, woher sie kommen.


Ist Kirche heute manchmal auch eher Jahrmarkt als Zufluchtsort für eine gepeinigte Seele? Was würde Jesus wohl tun, wenn er durch unsere Kirchen ginge? Diese Frage darf uns nachdenklich machen. Kirche soll ein Ort sein, an dem Menschen aufatmen, Trost finden und neue Kraft schöpfen können.


Wenn wir eine Kirche betreten und dort Ruhe und Frieden spüren, nehmen wir vielleicht etwas davon mit hinaus in unseren Alltag. Gottes Frieden ist nicht dazu da, dass wir uns vor der Welt verstecken. Er soll uns stärken, ihr mit offenem Herzen zu begegnen. Vielleicht können wir selbst dazu beitragen, dass andere durch unser Zuhören, unsere Hilfsbereitschaft und unser Verständnis ein wenig Frieden erfahren.


Darum bete ich heute: Herr, unser Gott, wir sehnen uns nach Frieden in unserer unruhigen Welt. Schenke uns Orte, an denen wir bei dir zur Ruhe kommen. Bewahre deine Kirche davor, sich selbst und ihre Interessen in den Mittelpunkt zu stellen. Hilf uns, Menschen willkommen zu heißen, ihre Sorgen ernst zu nehmen und deinen Frieden in unseren Alltag hineinzutragen. Amen.


Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Tag

Herzliche Grüße, Pastor Michael Röschard