Täglich vor Gott

 

Ich liege gefangen und kann nicht heraus, mein Auge vergeht vor Elend. HERR, ich rufe zu dir täglich.

Psalm 88,9–10

 

Es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.

Apostelgeschichte 3,2


Liebe Leserin, lieber Leser,

in beiden Bibelversen begegnet uns ein kleines Wort, das leicht überlesen wird: >> täglich <<. Doch gerade dieses Wort erzählt von Menschen, die über lange Zeit mit einer schweren Last leben mussten.


Der Psalmbeter fühlt sich gefangen. Seine Not scheint kein Ende zu nehmen. Dennoch gibt er das Beten nicht auf. Er ruft >> täglich<< zu Gott. Sein Glaube besteht nicht darin, dass alle Fragen beantwortet sind oder sich die Umstände sofort ändern. Sein Glaube zeigt sich darin, dass er trotz allem immer wieder den Weg zu Gott sucht.


Auch der gelähmte Mann in Jerusalem erlebt einen Alltag voller Grenzen. Tag für Tag wird er an das Tempeltor gebracht, um zu betteln. Wahrscheinlich war jeder Morgen wie der vorherige. Er rechnete mit ein paar Münzen – nicht mit einem Wunder. Doch gerade an einem solchen gewöhnlichen Tag begegnet ihm Jesus durch Petrus und Johannes. Gott griff ein, als niemand mehr damit gerechnet hatte.


Wie oft erleben wir ebenfalls ein „täglich“ der Sorgen? Täglich dieselben Schmerzen, dieselben Fragen, dieselben Belastungen in der Familie oder am Arbeitsplatz. Manchmal scheint sich nichts zu verändern. Die Versuchung ist groß, die Hoffnung aufzugeben.


Diese beiden Verse laden uns ein, das tägliche Kommen zu Gott nicht aufzugeben. Auch wenn wir seine Wege nicht verstehen, hört er unser Rufen. Und selbst wenn sich lange nichts verändert, kann Gott an einem ganz gewöhnlichen Tag etwas Neues beginnen. Seine Hilfe kommt nicht immer nach unserem Zeitplan, aber sie kommt nie zu spät.


Vielleicht stehst du heute selbst vor einem verschlossenen Tor oder fühlst dich wie der Psalmbeter gefangen. Dann halte an Gott fest. Jeder Tag, an dem du dich neu an ihn wendest, ist ein Ausdruck des Vertrauens. Und vielleicht ist gerade heute der Tag, an dem Gott dir neue Kraft schenkt oder eine Tür öffnet, die lange verschlossen schien.


Ich bete heute: Herr, du kennst die Lasten, die wir Tag für Tag mit uns tragen. Danke, dass wir mit allem zu dir kommen dürfen. Bewahre uns davor, die Hoffnung zu verlieren, wenn sich unsere Situation nicht sofort verändert. Stärke unser Vertrauen, damit wir dich täglich suchen und auf dein Handeln warten. Schenke uns offene Augen für deine Hilfe und ein geduldiges Herz, das sich an deine Treue klammert. Wir vertrauen darauf, dass du auch an gewöhnlichen Tagen Außergewöhnliches tun kannst. Dir sei alle Ehre. Amen.


Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, einen gesegneten Tag

Herzliche Grüße, Pastor Michael Röschard