Dem Guten nachjagen – und wirklich leben
Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr lebet.
Amos 5,14
Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann.
1. Thessalonicher 5,15
Liebe Leserin, lieber Leser,
auf den ersten Blick könnten diese beiden Verse nach einer einfachen Rechnung klingen: Tu Gutes, dann geht es dir gut. Ist das nicht eine Art Werkgerechtigkeit? Eine Schwarz-Weiß-Denke, nach der der gute Mensch belohnt und der böse Mensch bestraft wird?
So einfach ist es nicht.
Der erste Vers steht im Buch des Propheten Amos. Amos richtet Gottes Wort an das Volk Israel, das äußerlich religiös lebt, aber gleichzeitig Recht und Gerechtigkeit missachtet. Die Menschen feiern Gottesdienste und bringen Opfer, doch im Alltag werden Arme unterdrückt und Schwache ausgebeutet.
Amos macht deutlich: Gott lässt sich nicht durch religiöse Leistungen beeindrucken, wenn das Leben gleichzeitig von Unrecht geprägt ist. „Sucht das Gute“ bedeutet deshalb nicht: Verdient euch durch gute Taten Gottes Wohlwollen! Es bedeutet vielmehr: Richtet euer Leben nach Gottes Willen aus.
Auch Paulus schreibt in 1. Thessalonicher 5 nicht über einen Mechanismus von Leistung und Belohnung. Der Brief richtet sich an eine junge christliche Gemeinde. Die Christen sollen einander ermutigen, geduldig miteinander umgehen und Frieden halten. Und besonders dort, wo ihnen Unrecht geschieht, sollen sie nicht in den Kreislauf der Vergeltung einsteigen: „Jagt … dem Guten nach.“
Das ist etwas anderes als Werkgerechtigkeit. Wir tun das Gute nicht, damit Gott uns liebt. Wir tun es, weil Gott uns liebt und weil sein Geist unser Leben verändern möchte.
Und trotzdem bleibt die Frage: Geht es dem Guten im Leben wirklich besser? Die Bibel macht uns hier keine falschen Versprechungen. Menschen, die Gutes tun, können leiden. Gerechte können Unrecht erfahren. Manchmal scheint sogar das Böse erfolgreicher zu sein.
Darum bedeutet „auf dass ihr lebet“ bei Amos nicht: Wenn du Gutes tust, wirst du ein sorgenfreies Leben haben. Es geht um ein Leben, das sich an Gott orientiert – ein Leben, das nicht von Hass, Vergeltung und Ungerechtigkeit zerstört wird.
Ich möchte mich heute fragen: Wo bin ich versucht, Böses mit Bösem zu vergelten? Wo könnte ich stattdessen bewusst das Gute suchen? Vielleicht ist es nur ein freundliches Wort, Vergebung, Geduld oder der Mut, für einen anderen einzustehen. Ich muss damit nicht Gottes Liebe verdienen. Ich darf aus seiner Liebe heraus leben.
Ich bete heute: Herr, bewahre mich davor, Gutes nur dann zu tun, wenn ich dafür etwas zurückbekomme. Schenke mir ein Herz, das das Gute sucht, auch wenn es schwerfällt und niemand es sieht. Hilf mir, Böses nicht mit Bösem zu vergelten, sondern deine Liebe weiterzugeben. Lass mein Leben von deiner Gnade geprägt sein. Amen.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Tag
Herzliche Grüße, Pastor Michael Röschard

