Nicht wegsehen, sondern handeln
Schafft Recht und Gerechtigkeit und errettet den Beraubten von des Frevlers Hand und bedrängt nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen und tut niemand Gewalt an.
Jeremia 22,3
Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Galater 6,2
Liebe Leserin, lieber Leser,
das ist eine deutliche Ansage! Recht schaffen, Unterdrückte schützen, Witwen und Waisen nicht bedrängen und niemandem Gewalt antun. Gott lässt uns nicht im Unklaren darüber, wie er sich den Umgang miteinander vorstellt.
Doch warum nennt die Bibel gerade Fremde, Witwen und Waisen?
Zur Zeit des Propheten Jeremia gehörten diese Menschen zu den besonders Schutzbedürftigen. Witwen hatten oft keine ausreichende wirtschaftliche Absicherung, Waisen keine Eltern, die ihre Rechte verteidigten, und Fremde besaßen nicht dieselben familiären und gesellschaftlichen Schutznetze wie die Einheimischen. Sie waren besonders leicht auszubeuten.
In Jeremia 22 richtet sich Gottes Wort an den König von Juda. Seine Aufgabe war es, Recht und Gerechtigkeit zu gewährleisten. Statt seine Macht zum eigenen Vorteil zu gebrauchen, sollte er gerade für die Schwachen eintreten. Gottes Urteil über Herrschaft bemisst sich nicht allein an Reichtum und Erfolg, sondern auch daran, wie mit den Schutzlosen umgegangen wird.
Gilt das heute noch? Unbedingt. Die Lebensumstände haben sich verändert, aber Menschen geraten noch immer in Abhängigkeit, werden ausgebeutet oder übersehen. Gottes Ruf zu Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ist deshalb nicht veraltet.
Paulus schreibt im Galaterbrief an christliche Gemeinden. Nachdem er die Freiheit beschrieben hat, die Christus schenkt, zeigt er, wie diese Freiheit im Alltag Gestalt gewinnt: Wir sollen einander dienen und die Lasten anderer mittragen. Das „Gesetz Christi“ ist die Liebe, die nicht nur schöne Worte macht, sondern praktisch handelt.
Was wäre das für eine Veränderung, wenn wir unseren Besitz und unsere Möglichkeiten auch als Verantwortung verstünden! Wer viel empfangen hat, kann viel bewirken. Reichtum ist nicht grundsätzlich verwerflich, aber er verpflichtet dazu, die eigene Macht und den eigenen Einfluss verantwortungsvoll einzusetzen.
Jesus selbst warnt vor einem Leben, das nur Schätze für sich anhäuft. Im Predigerbuch wird daran erinnert, dass wir nichts von unserem Besitz mitnehmen können (Prediger 5,14–15). Was bleibt also von unserem Leben? Vielleicht auch das Gute, das wir anderen ermöglicht haben.
Ich möchte mich fragen: Wessen Last könnte ich leichter machen? Wo kann ich meine Zeit, meine Fähigkeiten oder meinen Besitz einsetzen, damit ein anderer aufatmen kann? Ich muss nicht die ganze Welt retten. Aber ich kann in meinem Umfeld anfangen, sie ein wenig gerechter und menschlicher zu machen.
Darum bete ich heute: Herr, öffne meine Augen für Menschen, die Schutz und Hilfe brauchen. Bewahre mich vor Gleichgültigkeit und Eigennutz. Zeige mir, wie ich meine Gaben verantwortungsvoll einsetzen und die Last anderer mittragen kann. Hilf mir, nicht nur von Liebe zu reden, sondern sie zu leben. Amen.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Tag
Herzliche Grüße, Pastor Michael Röschard

