Nicht ich, sondern der Herr
Gideon sprach: Ich will nicht Herrscher über euch sein, sondern der HERR soll Herrscher über euch sein.
Richter 8,23
Thomas sprach zu Jesus: Mein Herr und mein Gott!
Johannes 20,28
Liebe Leserin, lieber Leser,
es gehört zu den großen Herausforderungen des Lebens, die eigenen Grenzen anzuerkennen und sich einer höheren Autorität unterzuordnen. Gideon und Thomas zeigen uns auf unterschiedliche Weise, was es bedeutet, Gott als den wahren Herrn anzuerkennen.
Gideon hatte Israel aus der Hand der Midianiter befreit. Nach diesem Sieg wollten die Israeliten ihn und seine Nachkommen zu Herrschern machen. Gideon hätte die Macht ergreifen und sich als Retter des Volkes feiern lassen können. Doch er antwortete: Nicht er, sondern der HERR sollte über Israel herrschen.
In einer Stunde, in der ihm Macht und Anerkennung angeboten wurden, bekannte Gideon, wem die Ehre wirklich gebührte. Darin zeigt sich eine bemerkenswerte Haltung: Wer sich von Gott abhängig weiß, muss sich selbst nicht zum Mittelpunkt machen. Er weiß, dass er Verantwortung tragen darf, aber niemals der letzte Herr über andere Menschen ist.
Wie wichtig wäre diese Erkenntnis auch für Menschen, denen heute Macht anvertraut ist! Macht ist kein persönlicher Besitz, über den man uneingeschränkt verfügen darf. Sie bedeutet Verantwortung. Wer sich bewusst bleibt, dass er selbst einer höheren Autorität gegenübersteht, wird hoffentlich demütiger mit ihr umgehen.
Thomas begegnet uns im Johannesevangelium zunächst als Zweifler. Nach Jesu Auferstehung kann er den Berichten der anderen Jünger nicht glauben. Er möchte selbst Gewissheit haben. Als Jesus ihm begegnet und seine Wundmale zeigt, antwortet Thomas: „Mein Herr und mein Gott!“ Aus seinem Zweifel wird ein persönliches Bekenntnis. Vielleicht ging es ihm nicht allein darum, Beweise zu verlangen, sondern auch darum, zu erkennen, wem er sein Vertrauen schenken konnte. Schließlich vertraut man sein Leben nicht einer bloßen Illusion an.
Beide Männer führen uns zu derselben Frage: Wer ist der Herr meines Lebens? Glaube bedeutet nicht, niemals Fragen zu haben. Er bedeutet, mit unseren Fragen nach Wahrheit zu suchen und uns Christus anzuvertrauen.
Wo möchte ich selbst bestimmen und die Kontrolle behalten? Kann ich anerkennen, dass nicht ich, sondern Gott das letzte Wort hat? Und wage ich es, meine Zweifel ehrlich vor Jesus zu bringen? Ich darf lernen, Verantwortung zu übernehmen, ohne mich selbst zum Herrn zu machen.
Darum bete ich heute: Herr Jesus Christus, du bist mein Herr und mein Gott. Bewahre mich vor Stolz und Machtstreben. Schenke mir ein demütiges Herz, das dir vertraut und nach deiner Wahrheit sucht. Hilf mir, Verantwortung in deinem Sinne zu tragen und dir auch mit meinen offenen Fragen zu begegnen. Dir allein gebührt die Ehre. Amen.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Tag
Herzliche Grüße, Pastor Michael Röschard

