Gottes Zorn und Gottes Gnade

 

In meinem Zorn habe ich dich geschlagen, aber in meiner Gnade erbarme ich mich über dich.

Jesaja 60,10

 

Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus.“

1. Thessalonicher 5,9

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

es ist spannend, wie oft wir Gott als einen Gott der Liebe „proklamieren“ und dabei die andere Seite seines Wesens ausblenden. Aus Angst? Aus Scham? Oder weil ein Gott, der richtet, nicht in unser Bild von einem liebevollen Gott passt?


Doch die Bibel spricht unmissverständlich davon: Gott lässt sich nicht auf der Nase herumtanzen. „Was der Mensch sät, das wird er ernten.“ Unsere Entscheidungen haben Folgen. Nicht alles, was in unserem Leben schiefläuft, können wir Gott in die Schuhe schieben. Manches haben wir selbst verursacht, weil uns sein Wort und seine Weisungen nicht mehr wichtig genug, nicht mehr heilig genug sind.


Wie oft deuten wir an Gottes Wort herum, bis es zu unseren Vorstellungen passt. Wir behandeln seine Weisungen beinahe wie einen schlechten Liebesroman, aus dem jeder herausliest, was ihm gerade gefällt. Und dann meinen wir, wir selbst seien der Weisheit letzter Schluss.


Dieses „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“ aus dem Garten Eden steckt noch immer in vielen unserer Entscheidungen. Es ist die alte Versuchung, Gottes Wort infrage zu stellen und unsere eigene Vernunft zum Maßstab zu machen. Dabei vergessen wir, wer Gott ist: heilig, gerecht und wahrhaftig.


Wenn wir wirklich nach Gottes Weisungen und Geboten handeln würden, müsste unser Land vielleicht längst – wie einst die Menschen in Ninive – in Sack und Asche gehen und echte Buße tun. Nicht, weil Gott Freude daran hätte, Menschen zu bestrafen, sondern weil Sünde Gott ernst ist.


Doch Gottes Zorn ist nicht sein letztes Wort. Jesaja spricht vom Erbarmen Gottes. Und Paulus erinnert uns daran, dass wir nicht zum Zorn bestimmt sind, sondern zum Heil durch Jesus Christus. Darin liegt die gewaltige Botschaft des Evangeliums: Gott selbst kam in Jesus Christus in diese Welt.

Niemand kann eines Tages sagen: „Gott, du hattest keine Ahnung, wie es hier auf der Erde wirklich zugeht.“


Jesus kennt unsere Welt. Er kennt Versuchung, Schmerz, Ablehnung, Ungerechtigkeit und Leid. Er hat unsere menschliche Wirklichkeit nicht aus sicherer Entfernung betrachtet, sondern ist mitten hineingegangen.


Seine Liebe – und ja, gerade seine Liebe – hält das Gericht noch von uns fern. Nicht weil Gott Sünde einfach übersieht, sondern weil er uns Zeit zur Umkehr schenkt. Seine Geduld ist kein Freibrief zum Weitermachen. Sie ist eine Einladung zur Buße.


Wo habe ich Gottes Wort abgeschwächt, weil es mir unbequem wurde? Wo habe ich gedacht: „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“ Wo trage ich vielleicht selbst Verantwortung für das, was in meinem Leben schiefgelaufen ist?


Ich möchte nicht zuerst mit dem Finger auf andere zeigen. Ich möchte mich selbst von Gott prüfen lassen. Seine Wahrheit darf mich korrigieren. Seine Gebote dürfen mir wieder heilig werden. Und wo ich schuldig geworden bin, darf ich umkehren.

Denn Gottes Zorn ist real – aber ebenso real ist seine Gnade. Und solange Gott uns seine Gnade schenkt, ruft er uns zur Umkehr und zum Leben.


Darum bete ich heute: Herr, mein Gott, ich bekenne, dass ich dein Wort manches Mal nach meinen Vorstellungen auslege und deine Weisungen dort infrage stelle, wo sie mir unbequem werden. Vergib mir meine Überheblichkeit und meine Selbstgerechtigkeit. Schenke mir Ehrfurcht vor deinem Wort und ein Herz, das bereit ist, dir zu gehorchen. Zeige mir, wo ich selbst gesät habe, was ich heute ernten muss, und hilf mir, Verantwortung dafür zu übernehmen. Danke, dass dein Zorn nicht dein letztes Wort ist. Danke für deine Gnade, deine Geduld und vor allem für Jesus Christus. Danke, dass du selbst in diese Welt gekommen bist und unser Leid, unsere Schuld und unsere ganze menschliche Wirklichkeit kennst. Schenke mir echte Buße, einen klaren Blick auf mein eigenes Leben und ein Herz, das deine Gnade nicht missbraucht, sondern von ihr verändert wird. Amen.



Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, einen gesegneten Tag

Herzliche Grüße, Pastor Michael Röschard